Wahlabend: Wie aus Teilergebnissen ein Gesamtbild wird
Um 18 Uhr kommt die Prognose, danach Hochrechnung auf Hochrechnung, bis Stunden später das vorläufige Ergebnis feststeht. Warum liegen die Zahlen unterwegs daneben, warum unterscheiden sich die Institute – und lässt sich das besser machen? Diese Seite rekonstruiert den Wahlabend der Bundestagswahl 2025 aus den amtlichen Daten und stellt ein offenes Projekt vor, das genau diese Fragen überprüfbar machen soll.
Drei Arten von Zahlen am Wahlabend
Beruht auf Befragungen von Wählerinnen und Wählern vor ausgewählten Wahllokalen (Exit Polls), ergänzt um eine Schätzung der Briefwahl. Ausgezählt ist noch nichts.
Beruht auf ausgezählten Ergebnissen repräsentativ ausgewählter Stimmbezirke, die den Instituten direkt übermittelt werden. Diese Einzelergebnisse sind am Wahlabend nicht öffentlich.
Die Bundeswahlleiterin veröffentlicht vollständig ausgezählte Wahlkreise. Öffentlich und exakt – aber zu jedem Zeitpunkt nur ein Ausschnitt, der nicht zufällig zustande kommt.
Das endgültige amtliche Ergebnis stellt der Bundeswahlausschuss erst Wochen später fest – für die Bundestagswahl 2025 am 14. März 2025.
Der Wahlabend 2025, rekonstruiert aus 413 amtlichen Datenständen
Die Bundeswahlleiterin hat jeden Zwischenstand als eigene Version veröffentlicht. Der erste Wahlkreis – Hof (Bayern) – kam um 20:38 Uhr, der letzte – Mannheim – um 01:33 Uhr; das vorläufige Ergebnis folgte um 04:08 Uhr. Weil zuerst vor allem bayerische Wahlkreise meldeten, lag die CSU um 22:26 Uhr im amtlichen Zwischenstand bei 14,0 % der bundesweiten Zweitstimmen – ihr Endergebnis: 6,0 %. Genau diese Schieflage muss eine gute Hochrechnung korrigieren. Der eingeblendete Modell-Nowcast (M6) vergleicht jeden gemeldeten Wahlkreis mit seinem Ergebnis von 2021, lernt daraus, wie sich die Parteien je Land und je nach Siedlungsstruktur verändern, und kam zum selben Zeitpunkt auf 6,0 % für die CSU.
22:26 Uhr · 107 von 299 Wahlkreisen gemeldet · 34,9 % der Wahlberechtigten
Rechnerische Mehrheit CDU/CSU + SPD (≥ 316 Sitze) laut Modell: 92 % · amtlich: 328 Sitze
- Amtlicher Zwischenstand
- M6 mit 80-%-Band
- Endergebnis
- ARD (infratest dimap)
- ZDF (Forschungsgruppe Wahlen)
| Partei | Zwischenstand | Modell (80 %) | ARD | ZDF | Endergebnis | Sitze Modell (80 %) | Sitze amtlich |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| CDU | 16,8 | 22,5 (22,1–22,8) | – | – | 22,6 | 163 (160–166) | 164 |
| CSU | 14,0 | 6,0 (5,9–6,1) | – | – | 6,0 | 44 (43–44) | 44 |
| AfD | 22,0 | 20,7 (20,4–20,9) | 20,6 | 20,5 | 20,8 | 150 (148–153) | 152 |
| SPD | 15,1 | 16,6 (16,3–16,9) | 16,5 | 16,5 | 16,4 | 121 (118–123) | 120 |
| Grüne | 10,3 | 11,5 (11,3–11,7) | 11,8 | 11,9 | 11,6 | 84 (82–85) | 85 |
| Die Linke | 7,6 | 8,9 (8,7–9,1) | 8,7 | 8,7 | 8,8 | 65 (63–66) | 64 |
| BSW | 4,7 | 4,8 (4,7–5,0) | 4,9 | 5,0 | 5,0 | 0 (Einzug ≤ 10 %) | 0 |
| FDP | 4,1 | 4,4 (4,2–4,5) | 4,4 | 4,5 | 4,3 | 0 | 0 |
| CDU/CSU zusammen | 30,8 | 28,4 (28,1–28,7) | 28,5 | 28,5 | 28,5 | 207 (204–210) | 208 |
Amtliche Zwischenstände: © Die Bundeswahlleiterin, Wiesbaden 2025, Datenlizenz Deutschland – Namensnennung – Version 2.0 (Open-Data-Verzeichnis); Zeitangaben nach dem minutengenauen „Stand“. Institutswerte: ARD/infratest dimap und ZDF/Forschungsgruppe Wahlen nach wahlrecht.de, abgeglichen mit tagesschau- und ZDF-Liveblog. Modell-Nowcasts: DEEN (Commit c88f9fc47e39, Quellmanifest sha256:8175fa0a6e4c…) – Modellrechnungen, keine amtlichen Zahlen.
Wie gut waren die Modelle?
Jedes Modell wurde auf einem festen Zeitraster von 20:45 bis 01:00 Uhr nachgespielt und mit dem amtlichen Endergebnis verglichen – über CDU/CSU, AfD, SPD, Grüne, Linke, BSW und FDP. Die erste Hochrechnung des ZDF (18:21 Uhr) lag im Mittel 0,39 Prozentpunkte daneben, die der ARD (18:22 Uhr) 0,69. Das hierarchische Modell erreicht die Genauigkeit der ersten ZDF-Hochrechnung mit öffentlichen Daten gegen 21:20 Uhr, bei 16 gemeldeten Wahlkreisen.
| Modell | Mittlerer Fehler | im 80-%-Band | im 95-%-Band | Brier-Score 5 %-Hürde |
|---|---|---|---|---|
| Laufende Summe (amtlicher Zwischenstand) | 1,97 Pkt. | 0 % | 0 % | 0,11 |
| Einheitlicher Swing, additiv | 0,74 Pkt. | 27 % | 38 % | 0,21 |
| Einheitlicher Swing, proportional | 0,50 Pkt. | 27 % | 49 % | 0,11 |
| Regionaler Swing | 0,73 Pkt. | 25 % | 33 % | 0,18 |
| Hierarchisches Bayes-Modell | 0,47 Pkt. | 89 % | 100 % | 0,12 |
Das hierarchische Bayes-Modell ist auf beiden bisher rekonstruierten Wahlabenden – 2025 und 2021, den DEEN aus dem Internet Archive wiederhergestellt hat – das genaueste. Vor allem sind seine Unsicherheitsangaben glaubwürdig: Das Endergebnis liegt etwa so oft im 80- und 95-%-Band, wie es die Nennwerte versprechen, eher etwas öfter. Die einfachen Swing-Modelle unterschätzen ihre Unsicherheit dagegen deutlich, weil sie nicht berücksichtigen, dass früh meldende Wahlkreise keine Zufallsauswahl sind. Eine Einschränkung gehört dazu: Eine Annahme des Modells wurde nach Auswertung beider Wahlabende nachgeschärft. Der saubere Test steht mit dem nächsten Wahlabend aus, den DEEN von Beginn an aufzeichnet.
Wo Hochrechnungen auseinanderlaufen
Forschungsgruppe Wahlen (ZDF) und infratest dimap (ARD) beschreiben ihr Vorgehen in Grundzügen, ihre genauen Gewichtungen und Rechenregeln veröffentlichen sie nicht. Unterschiede entstehen vor allem an vier Stellen – und jede davon ist eine Annahme, die man prüfen kann:
Welche Gebiete schon gemeldet haben
Kleine, ländliche oder schnell zählende Gebiete melden oft früher. Die bereits bekannten Ergebnisse sind keine Zufallsstichprobe – wer sie einfach hochrechnet, übernimmt ihre Schieflage.
Womit verglichen wird
Hochrechnungen schätzen die Veränderung gegenüber einer früheren Wahl. Ob diese Veränderung überall gleich hoch (additiv) oder proportional zur alten Stärke angenommen wird, und für welche Regionen, verändert das Ergebnis.
Wie die Briefwahl eingeht
Briefwählende unterscheiden sich in ihrer Zusammensetzung von Urnenwählenden, werden aber nicht vor dem Wahllokal befragt. Ihr Anteil und ihr Wahlverhalten müssen geschätzt werden.
Wie sich die Wahlbeteiligung verändert
Steigt die Beteiligung in einem Gebiet, kann das eine Partei überproportional stärken. Wer Beteiligung und Parteiwahl nicht getrennt betrachtet, vermischt beide Effekte.
Besonders folgenreich sind kleine Fehler nahe der 5-Prozent-Hürde: Ein halber Prozentpunkt entscheidet dort darüber, ob eine Partei im Bundestag vertreten ist.
DEEN – eine offene Nowcasting-Engine für deutsche Wahlabende
DEEN baut keine Institutshochrechnung nach. Es spielt vergangene Wahlabende exakt mit dem Wissen ab, das zu jedem Zeitpunkt öffentlich war, lässt verschiedene Modelle darauf rechnen und misst, wie weit jede Schätzung vom späteren amtlichen Ergebnis entfernt lag. So wird sichtbar, welche Annahme einen Fehler verursacht – und welche ihn behebt. Der Ansatz ist für alle Wahlen in Deutschland gedacht; die Bundestagswahl 2025 ist der erste Referenzfall.
Vier getrennte Schichten
- Beobachtung
- Was war zum Zeitpunkt t öffentlich bekannt?
- Nowcast
- Welche Stimmenverteilung folgt daraus – mit welcher Unsicherheit?
- Wahlrecht
- Welche Sitzverteilung ergibt sich nach geltendem Recht?
- Bewertung
- Wie weit lag die Schätzung vom amtlichen Endergebnis entfernt?
Zwei Arten, einen Wahlabend nachzuspielen
Historisch treu: nur die tatsächlich veröffentlichten Zwischenstände. Vor dem ersten Wahlkreis um 20:38 Uhr gibt es dann schlicht keine Beobachtung.
Kontrafaktisch: Aus den nachträglich veröffentlichten Ergebnissen der rund 95.000 Wahlbezirke wird simuliert, wie ein Abend mit Bezirksdaten verlaufen wäre – wie ihn die Institute sehen. Solche Läufe sind immer als Simulation gekennzeichnet.
Stand der Arbeit
- erledigtKonzept und Spezifikation v0.2
- erledigtAlle 413 amtlichen Datenstände der BTW 2025 archiviert, geprüft und rekonstruierbar
- erledigtReplay-Engine: Informationsstand zu jedem Zeitpunkt, ohne Wissen aus der Zukunft
- erledigtErste Modelle: laufende Summe, einheitlicher und regionaler Swing
- erledigtWahlabend 2021 aus dem Internet Archive rekonstruiert – zweiter Testfall
- erledigtBenchmark gegen das Endergebnis und die veröffentlichten Institutswerte
- erledigtEhrlichere Unsicherheit: hierarchisches Bayes-Modell mit Landeseffekten und Wahlbeteiligung
- als NächstesSitzberechnung nach Bundeswahlrecht 2025
- geplantSimulierter Abend mit Wahlbezirksdaten, Meldereihenfolge und Briefwahl
- geplantAufzeichnung künftiger Wahlabende (erstes Ziel: 18. April 2027)
Nächste Landtagswahlen laut Bundeswahlleiterin (Stand September 2026): Schleswig-Holstein und Saarland am 18. April 2027, Nordrhein-Westfalen am 25. April 2027, Bremen am 30. Mai 2027, Niedersachsen am 26. September 2027. Der Quellcode erscheint unter offener Lizenz auf GitHub.
Schätzungen von DEEN sind Modellrechnungen und keine amtlichen Ergebnisse. Das Projekt vergleicht Verfahren methodisch; es bewertet keine Parteien und gibt keine Wahlempfehlung.