Organisationsentwicklung / PerspektiveVertritt eine eigene These oder ein eigenes Modell: begründet, aber kein Lehrbuchwissen. Zum Einordnen.Baut auf: Stakeholder-Management · Daten & BI

Datenqualität ist ein Organisationsproblem

Schlechte Daten werden meist als technisches Problem behandelt und mit Bereinigungsprojekten bekämpft. Meine These: Sie sind die Folge unklarer Verantwortung und widersprüchlicher Anreize. Datenverantwortung gehört als Rolle in den Fachbereich.

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#Datenqualität#Data Governance#Data Ownership#Rollen#Business Intelligence

Das Muster ist in vielen Organisationen dasselbe. Ein Bericht liefert widersprüchliche Zahlen, eine Auswertung scheitert an Dubletten, ein KI-Projekt kommt nicht voran, weil die Daten „nicht sauber“ sind. Also wird ein Datenqualitätsprojekt aufgesetzt, meist in der IT oder im BI-Team. Es bereinigt, dedupliziert, ergänzt Pflichtfelder. Ein halbes Jahr später ist die Qualität wieder da, wo sie war.

Meine These: Das liegt nicht an schlechter Technik und auch nicht an nachlässigen Menschen. Schlechte Daten sind in den meisten Fällen die logische Folge davon, wie Verantwortung und Anreize in einer Organisation verteilt sind. Wer das Problem technisch löst, behandelt das Symptom.


Die Asymmetrie: Wer Daten erzeugt, nutzt sie selten

Daten entstehen überwiegend als Nebenprodukt der eigentlichen Arbeit. Die Vertriebsmitarbeiterin pflegt das CRM, weil sie muss, nicht weil sie die Daten braucht. Der Sachbearbeiter füllt ein Formularfeld aus, dessen Zweck ihm niemand erklärt hat. Genutzt werden diese Daten später an ganz anderer Stelle: im Controlling, in der Planung, in einem Analysemodell.

Daraus entsteht eine Asymmetrie. Die Erzeugenden tragen den Aufwand sorgfältiger Erfassung, spüren aber die Folgen schlechter Qualität nicht. Die Nutzenden spüren die Folgen, haben aber keinen Einfluss auf die Erfassung. Unter diesen Bedingungen ist das Pflichtfeld mit dem Eintrag „Sonstiges“ keine Nachlässigkeit, sondern eine vernünftige Abwägung.

Qualität folgt dem Sinn

Menschen erfassen Daten sorgfältiger, wenn sie verstehen, wofür sie gebraucht werden, und erleben, dass sie genutzt werden. Wer nie erfährt, was aus seinen Eingaben wird, hat wenig Grund, mehr als das Minimum zu tun. Das ist keine Frage der Disziplin, sondern der Bedeutung, die eine Tätigkeit hat.


Definitionen sind politisch

Der zweite Grund liegt tiefer. Viele Qualitätsprobleme sind in Wahrheit Definitionskonflikte. Zählt ein Kunde, der seit zwei Jahren nichts gekauft hat, noch als Kunde? Wird Umsatz bei Auftragseingang oder bei Rechnungsstellung gebucht? Gehört ein Projekt zur Abteilung, die es beantragt hat, oder zu der, die es umsetzt?

Diese Fragen klingen technisch, entscheiden aber über Budgets, Erfolge und Zuständigkeiten. Deshalb werden sie selten geklärt, und das Data Warehouse übernimmt am Ende zwei Definitionen nebeneinander. Das ist eine Form von politischem Widerstand, der sich als Datenproblem tarnt.


Qualität ist relativ zum Zweck

Joseph M. Juran (1904–2008), in Rumänien geboren und in den USA aufgewachsen, gehört zu den Begründern des modernen Qualitätsmanagements. Seine Arbeit prägte ab den 1950er Jahren insbesondere die japanische Industrie. Juran definierte Qualität nicht als Fehlerfreiheit an sich, sondern als „fitness for use“: Eignung für den Verwendungszweck. Ein Produkt ist gut, wenn es für das, wofür es gebraucht wird, taugt.

Dasselbe gilt für Daten. Die Informatiker Richard Wang und Diane Strong haben 1996 in einer vielzitierten Studie Datennutzende befragt, was für sie gute Daten ausmacht, und festgestellt, dass Korrektheit nur eine von vielen Anforderungen ist. In der Praxis werden heute meist diese Qualitätsdimensionen unterschieden:

  • Vollständigkeit: Sind alle benötigten Werte vorhanden, oder fehlen etwa Postleitzahlen?
  • Korrektheit: Stimmen die Werte mit der Wirklichkeit überein, wohnt die Kundin also tatsächlich unter dieser Adresse?
  • Konsistenz: Passen die Daten in verschiedenen Systemen zusammen, oder hat derselbe Kunde im CRM einen anderen Namen als in der Buchhaltung?
  • Aktualität: Sind die Daten für den Zweck aktuell genug? Eine Adresse von vor fünf Jahren taugt nicht für den Versand.
  • Eindeutigkeit: Ist jedes Objekt nur einmal erfasst, oder gibt es Dubletten?

Keine dieser Dimensionen ist ein Selbstzweck. Eine Adressdatenbank mit veralteten Einträgen kann für eine grobe regionale Auswertung gut genug und für die Rechnungsstellung unbrauchbar sein.

Daraus folgt: Datenqualität lässt sich nicht zentral und abstrakt festlegen. Sie muss dort definiert werden, wo man den Zweck kennt, und das ist der Fachbereich.


Datenverantwortung als Rolle

Etablierte Data-Governance-Ansätze, etwa das Handbuch DAMA-DMBOK der internationalen Data Management Association, unterscheiden deshalb mehrere Rollen und legen die fachliche Verantwortung bewusst nicht in die IT:

01

Data Owner (Datenverantwortliche)

Eine Führungskraft im Fachbereich, die für einen Datenbereich verantwortlich ist. Sie entscheidet über Definitionen, Qualitätsanforderungen und Zugriffe und löst Konflikte zwischen Nutzenden. Für Kundendaten wäre das etwa die Leitung des Vertriebs, nicht die IT-Leitung.

Fachliche Verantwortung
02

Data Steward (Datenbetreuung)

Eine Fachperson, die die Regeln im Alltag umsetzt: Definitionen pflegt, Qualitätsprobleme erkennt und die Erzeugenden berät. Während der Data Owner entscheidet, sorgt der Data Steward dafür, dass die Entscheidungen im Alltag ankommen.

Pflege und Ansprechpartner
03

IT und Datenplattform

Stellt Systeme, Prüfregeln und Transparenz bereit, entscheidet aber nicht über fachliche Inhalte.

Technische Umsetzung

Solche Rollen scheitern allerdings, wenn sie nur auf dem Papier stehen. Eine Data Ownership ohne Zeit, Befugnis und Anerkennung ist eine zusätzliche Aufgabe, die bei der nächsten Priorisierung wegfällt.


Was stattdessen hilft

  • Qualität an der Quelle messen und zurückspiegeln. Die Erzeugenden sehen, wie vollständig und korrekt ihre Daten sind und wofür sie genutzt werden.
  • Die Kosten beim Verursacher sichtbar machen. Solange Nacharbeit anonym im Controlling anfällt, bleibt sie folgenlos.
  • Definitionen mit Verantwortlichen festhalten. Ein Glossar, in dem jede zentrale Kennzahl eine Definition und einen Owner hat, ist wertvoller als jedes Bereinigungsskript.
  • Vereinbarungen zwischen Erzeugenden und Nutzenden. In der Datenwelt heißen sie inzwischen Data Contracts. Ähnlich wie ein Liefervertrag zwischen Unternehmen legen sie fest, wer welche Daten in welcher Struktur und Qualität liefert, wie schnell Fehler behoben werden und wer informiert wird, bevor sich etwas ändert. Der Kern ist nicht die Technik, sondern dass sich zwei Seiten, die bisher nichts voneinander wussten, ausdrücklich aufeinander verpflichten.
  • Bereinigung als Übergang, nicht als Lösung. Sie schafft einen sauberen Ausgangspunkt, verhindert aber keine neuen Fehler.
Messbar machen

Wie man das Konzept mit Daten beobachtet, statt nur daran zu glauben.

Fehlerquote an der QuellePrüfregeln im Quellsystem oder beim Laden ins Data Warehouse
Anteil der Datensätze, die Mindestanforderungen verletzen, je erzeugendem Bereich. Wirkt erst, wenn die Erzeugenden die Zahl auch sehen.
Zeit bis zur KorrekturTicketsystem oder Data-Steward-Protokoll
Wie lange dauert es, bis ein gemeldeter Fehler an der Quelle behoben ist? Zeigt, ob Verantwortung tatsächlich wahrgenommen wird.
Kennzahlen mit Owner und DefinitionDatenglossar
Anteil der zentralen Kennzahlen, für die eine abgestimmte Definition und eine verantwortliche Person existieren.

Grenze der Messung: Automatische Prüfregeln finden formale Fehler, etwa leere Felder oder ungültige Formate. Ob ein Eintrag inhaltlich stimmt, sehen sie nicht.

Fazit

Datenqualität ist kein Zustand, den man einmal herstellt, sondern das Ergebnis täglicher Arbeit vieler Menschen. Sie wird besser, wenn diese Menschen verstehen, wofür ihre Daten gebraucht werden, wenn Definitionen geklärt sind und wenn jemand im Fachbereich dafür einsteht. Technik unterstützt das, ersetzt es aber nicht.


Zum Weiterlesen

  • DAMA International (2017). DAMA-DMBOK: Data Management Body of Knowledge (2. Aufl.). Technics Publications. Das Standardwerk zu Data Governance, Rollen und Datenqualität.
  • Wang, R. Y. & Strong, D. M. (1996). Beyond Accuracy: What Data Quality Means to Data Consumers. Journal of Management Information Systems, 12(4), 5–33.
  • Juran, J. M. & De Feo, J. A. (2010). Juran’s Quality Handbook (6. Aufl.). McGraw-Hill.
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