Kurzfassung
Kondratieff-Zyklen sind lange Wellen der Weltwirtschaft von etwa 40 bis 60 Jahren, in denen sich Jahrzehnte des Aufschwungs und Jahrzehnte der Schwäche ablösen. Der russische Ökonom Nikolai Kondratjew beschrieb sie in den 1920er-Jahren anhand von Preisen und Zinsen. Spätere Forschende erklärten sie mit technischen Umwälzungen wie Dampfmaschine, Eisenbahn, Elektrizität, Automobil und Informationstechnik.
Belegt ist, dass solche Umwälzungen über Jahrzehnte ganze Volkswirtschaften umbauen. Ob daraus ein regelmäßiger Zyklus folgt, ist dagegen nicht belegt. Statistische Prüfungen finden die Wellen nur unter bestimmten Annahmen, und von gerade einmal fünf Durchläufen lässt sich kaum auf eine Regel schließen.
Gestritten wird über fast alles: ob es die Wellen gibt, was sie antreibt und wann sie beginnen und enden. Als Erklärungsmuster für technischen Wandel ist das Modell nützlich, als Vorhersageinstrument nicht.
Was die Zyklen sind
Neben den bekannten Konjunkturzyklen von wenigen Jahren gibt es nach dieser Vorstellung eine viel längere Bewegung. Über zwei bis drei Jahrzehnte steigen Preise, Zinsen und Investitionen, Krisen sind kurz und Aufschwünge kräftig. In den folgenden zwei bis drei Jahrzehnten ist es umgekehrt: Preise fallen, Krisen werden häufiger und tiefer, und Branchen, die lange gewachsen sind, stagnieren. Eine solche lange Welle dauert insgesamt etwa 40 bis 60 Jahre.
Der Begriff „Zyklus“ ist dabei umstritten. Er unterstellt eine regelmäßige Wiederkehr aus inneren Ursachen. Viele Forschende sprechen deshalb vorsichtiger von „langen Wellen“, die durch einmalige historische Ereignisse ausgelöst werden können.
Kondratjew selbst datierte anhand von Preisreihen zweieinhalb Wellen: einen ersten Aufschwung ab etwa 1790 mit dem Wendepunkt um 1815 und einem Abschwung bis 1849, eine zweite Welle von 1850 bis 1896 mit dem Wendepunkt um 1873 und den Beginn einer dritten ab 1896. Spätere Autoren haben die Reihe fortgeschrieben und mit Schlüsseltechniken verbunden. Am verbreitetsten ist heute die Einteilung in fünf technische Revolutionen, wie sie die Ökonomin Carlota Perez datiert hat: Industrielle Revolution, Dampf und Eisenbahn, Stahl und Elektrizität, Öl, Automobil und Massenproduktion sowie Informationstechnik.
Kondratjew datierte nach Preisen, Perez nach technischen Durchbrüchen
- 1771Perez: Industrielle Revolution
- 1790Kondratjew: erste WelleWendepunkt um 1815, Abschwung bis 1849
- 1829Perez: Dampf und Eisenbahn
- 1850Kondratjew: zweite WelleWendepunkt um 1873, Abschwung bis 1896
- 1875Perez: Stahl und Elektrizität
- 1896Kondratjew: dritte WelleBeginn; die Daten enden um 1920
- 1908Perez: Öl, Automobil, Massenproduktion
- 1971Perez: Informationstechnik
Die beiden Reihen sind gegeneinander verschoben, weil sie Verschiedenes messen: Kondratjew datierte Wellen in den Preisen, Perez die Jahre, in denen eine neue Schlüsseltechnik ihren ersten Durchbruch hatte.
Die Jahreszahlen sind Näherungen und unterscheiden sich je nach Autor um bis zu zwei Jahrzehnte, weil manche nach Preisen, andere nach Produktion und wieder andere nach dem ersten Durchbruch einer Technik datieren.
Nutzen und Beleglage
Das Modell verspricht zweierlei: eine Erklärung, warum Wirtschaftsgeschichte in Epochen verläuft, und einen Anhaltspunkt, wo man sich gerade befindet. Die Belege für das Erste sind deutlich stärker als für das Zweite.
Kondratjews Daten. Er untersuchte Großhandelspreise, Zinsen und einige Produktionsreihen wie Kohle, Roheisen und Blei für England, Frankreich, Deutschland und die USA zwischen etwa 1790 und 1920. Die Reihen bereinigte er um den langfristigen Trend und glättete sie über neun Jahre. Am deutlichsten waren die Wellen in Preisen und Zinsen. Das ist eine Schwäche, denn Preiswellen können auch durch Kriege, Goldfunde oder Geldpolitik entstehen. Kondratjew deutete solche Ereignisse als Teil der Welle, seine Kritiker als ihre äußere Ursache. Der Wirtschaftswissenschaftler George Garvy kam 1943 zu dem Schluss, dass die Daten keine Regelmäßigkeit belegen.
Statistische Prüfungen. Der Wirtschaftshistoriker Solomos Solomou von der University of Cambridge fand 1987 in den Wachstumsraten von 1850 bis 1973 keine regelmäßigen langen Wellen, sondern längere Schwankungen nach einzelnen Schocks. Die Sozialwissenschaftler Andrey Korotayev und Sergey Tsirel fanden 2010 in der Weltwirtschaftsleistung von 1870 bis 2007 eine Welle von etwa 52 Jahren, knapp an der üblichen Grenze statistischer Sicherheit. Allerdings nur, nachdem sie die Jahre 1914 bis 1946 bereinigt hatten, und die Welle erklärt zusammen mit einer verwandten kürzeren Schwingung nur etwa ein Fünftel der Schwankungen.
Zeitreihen sind zu kurz. Seit Beginn der Industrialisierung sind etwa fünf Wellen vergangen. Mit so wenigen Durchläufen lässt sich ein Zyklus statistisch kaum von zufälligen Schwankungen unterscheiden, zumal Weltkriege, Depressionen und Pandemien die Reihen stören.
Technische Umwälzungen. Gut belegt ist dagegen der Teil, den spätere Forschende ergänzt haben: Einige wenige Schlüsseltechniken haben über Jahrzehnte Produktion, Infrastruktur, Arbeit und Lebensweise umgebaut. Die Ökonomin Carlota Perez hat darüber hinaus argumentiert, dass ihre Ausbreitung jedes Mal einem ähnlichen Muster folgte, aus Durchbruch, Spekulation, Krise und breiter Nutzung. Das ist eine historische Deutung, keine Messung.
Zusammengenommen ist das Modell als Beschreibung großer technischer Epochen gut begründet. Dass diese Epochen in einem festen Takt aufeinander folgen, ist nicht belegt.
Worauf das Modell beruht
Wer mit Kondratieff-Zyklen argumentiert, setzt mehrere Annahmen voraus. Je nachdem, welche davon man teilt, wird aus dem Modell eine Prognose, eine Deutung oder nur eine Metapher.
- Es gibt einen inneren Takt. Die starke Fassung nimmt an, dass die Wirtschaft selbst die Wellen erzeugt, etwa durch langlebige Investitionen, die sich erst nach Jahrzehnten erneuern. Ohne diese Annahme bleiben einmalige Epochen, die sich nur im Rückblick ähneln.
- Technik bündelt sich. Die technische Fassung nimmt an, dass grundlegende Neuerungen gehäuft auftreten und nicht gleichmäßig über die Zeit verteilt sind. Nur dann lösen sie einen gemeinsamen Aufschwung aus.
- Die Weltwirtschaft verhält sich wie eine Einheit. Die Wellen werden meist für die Weltwirtschaft oder einige führende Länder beschrieben. Einzelne Volkswirtschaften können davon stark abweichen, etwa durch Krieg, Teilung oder Aufholwachstum.
- Frühere Wellen sagen etwas über die nächste. Wer aus dem Modell auf die Zukunft schließt, nimmt an, dass sich Dauer und Ablauf wiederholen. Bei fünf Beobachtungen ist das eine starke Annahme.
- Man erkennt die Schlüsseltechnik rechtzeitig. Welche Technik eine Welle antreibt, war bisher meist erst Jahrzehnte später klar. Wer die aktuelle Welle benennt, deutet die Gegenwart mit einem Maßstab, der für den Rückblick entwickelt wurde.
Daraus ergibt sich das typische Einsatzfeld: als Rahmen, um Gegenwart und Geschichte technischer Umbrüche zu vergleichen, und als Anlass, Fragen zu stellen. Für Zeitpunkte, Branchenwetten oder Investitionsentscheidungen taugt es nicht.
Herkunft, Schulen und Streitfragen
Nikolai Kondratjew (1892–1938) leitete ab 1920 das Konjunkturinstitut in Moskau. Er veröffentlichte seine Untersuchung der langen Wellen 1925 auf Russisch, 1926 erschien sie auf Deutsch als „Die langen Wellen der Konjunktur“. In der Sowjetunion war die These politisch heikel, denn sie legte nahe, dass sich der Kapitalismus nach jeder Krise erneuert, statt zusammenzubrechen.
Aus seinem Ansatz sind mehrere Schulen hervorgegangen. Sie unterscheiden sich vor allem darin, was die Wellen antreibt.
Innovation. Der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter, damals in Harvard, schlug 1939 den Namen „Kondratieff-Zyklen“ vor. Er erklärte die Wellen damit, dass Neuerungen gebündelt auftreten und sich dann über Jahrzehnte ausbreiten, wobei sie alte Branchen verdrängen. Der deutsche Wirtschaftswissenschaftler Gerhard Mensch spitzte das 1975 in Das technologische Patt zu: Grundlegende Neuerungen (Basisinnovationen) häuften sich gerade in Depressionen, weil Unternehmen dann gezwungen seien, Neues zu wagen.
Techno-ökonomische Paradigmen. Der britische Innovationsforscher Christopher Freeman und die venezolanisch-britische Ökonomin Carlota Perez verschoben den Blick von einzelnen Erfindungen auf ganze Systeme. Eine neue Schlüsseltechnik setzt sich erst durch, wenn Infrastruktur, Organisationsformen, Ausbildung und Regeln zu ihr passen. Perez beschreibt jede Welle in zwei Hälften: eine Installationsphase (Installation Period), in der Finanzkapital die neue Technik mit spekulativem Überschwang verbreitet, und nach einer Krise eine Entfaltungsphase (Deployment Period), in der sie die ganze Wirtschaft durchdringt.
Kapital und Profit. Marxistische Ökonomen wie Ernest Mandel erklärten die Wellen mit der Profitrate: Lange Abschwünge enden nicht von selbst, sondern erst durch äußere Ereignisse wie Kriege oder neue Märkte.
Populäre Fortschreibung. Im deutschen Sprachraum ist vor allem Leo Nefiodow bekannt, der 1996 einen „sechsten Kondratieff“ vorhersagte. Er sieht die fünfte Welle mit der Krise von 2000 bis 2003 beendet und Gesundheit im weiten Sinn als neue Schlüsselbranche, mit Biotechnologie und psychosozialer Gesundheit als Basisinnovationen.
Zwischen diesen Schulen und ihren Kritikern sind vier Fragen offen.
Gibt es die Wellen überhaupt? Die meisten akademischen Ökonomen halten sie für nicht nachgewiesen. Kritiker sprechen von Mustererkennung in Daten, die zufällig schwanken.
Häufen sich Neuerungen wirklich? John Clark, Christopher Freeman und Luc Soete fanden 1981 viel schwächere Bündelung als Mensch, und eher zu Beginn eines Aufschwungs als in der Krise. Eine Auswertung der Wirtschaftswissenschaftler Bert de Groot und Philip Hans Franses von 2005 findet zwar Bündel, aber ihre Lage zur Welle hat sich im Lauf der Zeit verschoben.
Zählen Preise oder Mengen? Kondratjews Wellen waren vor allem Preiswellen. Wer nach Produktion oder Wachstum sucht, findet sie schwächer oder gar nicht.
In welcher Welle leben wir? Perez sieht die Informationstechnik seit 1971 noch nicht am Ende und erwartet ihre Entfaltungsphase erst. Nefiodow sieht seit etwa 2000 eine sechste Welle der Gesundheit. Andere nennen künstliche Intelligenz oder Energiewende als nächste Schlüsseltechnik. Die Antwort hängt davon ab, woran man eine Welle erkennt, und lässt sich vermutlich erst im Rückblick geben.
Grenzen und Kritik
Neben den Annahmen, die nicht immer zutreffen, gibt es vier wiederkehrende Einwände.
- Zu wenige Durchläufe. Fünf Wellen in 250 Jahren reichen nicht, um einen Zyklus von zufälligen Schwankungen zu unterscheiden. Jede neue Datierung passt die Grenzen der Wellen ein wenig an, und so passt das Modell fast immer.
- Beliebige Grenzen. Ob eine Welle 1770 oder 1790, 1890 oder 1896 beginnt, hängt davon ab, welche Reihe man betrachtet. Die Autoren sind sich bei Beginn und Ende oft um mehrere Jahre bis Jahrzehnte uneinig.
- Weltgeschichte in einem Takt. Weltkriege, die Weltwirtschaftskrise, der Zerfall der Sowjetunion oder der Aufstieg Chinas lassen sich nachträglich in Wellen einordnen, aber kaum aus ihnen ableiten. Das Modell erklärt dann weniger, als es zu erklären scheint.
- Beliebt in der Beratung. Das Modell eignet sich gut, um eine Zukunftsbranche auszurufen, sei es Gesundheit, Umwelttechnik oder künstliche Intelligenz. Solche Aussagen lassen sich in der Gegenwart kaum widerlegen und werden deshalb leicht zur Werbung für das, was man ohnehin empfehlen will.
Kondratieff-Zyklen sind damit weniger ein Naturgesetz der Wirtschaft als eine Brille für lange Zeiträume. Sie lenken den Blick darauf, dass technische Umbrüche Jahrzehnte brauchen, Finanzmärkte, Institutionen und Arbeit mit umbauen und dabei Blasen und Krisen hervorbringen. Wann der nächste Umbruch kommt und welche Technik ihn auslöst, sagen sie nicht voraus.
Quellen
- Kondratieff, N. D. (1926): Die langen Wellen der Konjunktur. Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik 56, 573–609. Englisch gekürzt: The Long Waves in Economic Life. Review of Economic Statistics 17 (1935).
- History of Economic Thought: Nikolai D. Kondratiev (Lebenslauf, Werke, Verhaftung und Tod).
- Schumpeter, J. A. (1939): Business Cycles. McGraw-Hill.
- Garvy, G. (1943): Kondratieff’s Theory of Long Cycles. Review of Economic Statistics 25(4), 203–220.
- Mensch, G. (1975): Das technologische Patt. Innovationen überwinden die Depression. Umschau.
- Clark, J., Freeman, C. & Soete, L. (1981): Long Waves, Inventions, and Innovations. Futures 13(4), 308–322.
- Mandel, E. (1980): Long Waves of Capitalist Development. Cambridge University Press.
- Solomou, S. (1987): Phases of Economic Growth, 1850–1973: Kondratieff Waves and Kuznets Swings. Cambridge University Press.
- Nefiodow, L. A. (1996): Der sechste Kondratieff. Rhein-Sieg-Verlag. Englische Zusammenfassung: The Sixth Kondratieff. The Growth Engine of the 21st Century.
- Perez, C. (2002): Technological Revolutions and Financial Capital. Edward Elgar. Interview: strategy+business.
- de Groot, B. & Franses, P. H. (2005): Cycles in Basic Innovations. Econometric Institute Report 2005-35, Erasmus Universität Rotterdam.
- Korotayev, A. V. & Tsirel, S. V. (2010): A Spectral Analysis of World GDP Dynamics. Structure and Dynamics 4(1).
- Wikipedia: Kondratiev wave (Datierung Kondratjews, Stand der Debatte).