Während Kahneman und Tversky im Labor zeigten, wo das Urteil versagt, fragte Gary Klein ab den 1980er Jahren umgekehrt: Wie schaffen es Feuerwehrleute, Pflegekräfte oder Militärkommandanten, in Sekunden gute Entscheidungen zu treffen? Seine Antwort wurde zur Grundlage des Naturalistic Decision Making (NDM).
Kleins bekanntestes Beispiel stammt aus Interviews mit Feuerwehrleuten. Ein Einsatzleiter löscht mit seinem Trupp einen scheinbar einfachen Küchenbrand. Irgendetwas stimmt nicht: Das Feuer reagiert kaum auf das Wasser, es ist zu heiß, zu still. Er befiehlt allen, das Haus zu verlassen. Kurz darauf bricht der Boden ein, der Brandherd lag im Keller darunter. Der Einsatzleiter konnte zunächst nicht erklären, warum er so entschieden hatte, und sprach von einem sechsten Sinn.
Klein beschrieb diesen Vorgang als Recognition-Primed Decision: Erfahrene Menschen vergleichen keine Optionen, sondern erkennen eine Lage als bekannt oder unbekannt, spielen die erste naheliegende Handlung im Kopf durch und handeln, wenn nichts dagegen spricht. Intuition ist in diesem Sinn verdichtete Erfahrung.
Die Grenze dieser Intuition haben Klein und Kahneman 2009 gemeinsam formuliert: Sie funktioniert nur in Umgebungen mit verlässlicher Rückmeldung (siehe Kind und wicked Lernumgebungen). Aus dem NDM stammt auch das Pre-Mortem, mit dem Teams ihre Pläne vor dem Start auf Schwachstellen prüfen.