Ein Fehlanreiz liegt vor, wenn ein Belohnungs- oder Bewertungssystem Verhalten fördert, das den erklärten Zielen widerspricht. Bekannt ist die Formulierung des Managementforschers Steven Kerr aus dem Jahr 1975: „On the Folly of Rewarding A, While Hoping for B“. Kerr sammelte Beispiele aus Politik, Militär, Wirtschaft und Hochschulen, in denen Organisationen ein Verhalten wünschen, aber ein anderes belohnen. Eines betrifft Universitäten, die gute Lehre erwarten, aber nach Veröffentlichungen befördern.
Wichtig ist die Deutung: Beschäftigte, die auf den Fehlanreiz reagieren, verhalten sich aus ihrer Sicht vernünftig. Die Ursache liegt im System, nicht im Charakter. Das passt zur Beobachtung, dass das Umgehen von Zielkennzahlen ein Hinweis auf widersprüchliche Signale ist; im Artikel Goodhart in der Praxis wird das als vierter Mechanismus beschrieben. Eng verwandt sind Campbells Gesetz und der Verdrängungseffekt, der zusätzlich erklärt, warum Anreize innere Motivation schwächen können.
Grenze: Der Begriff wird alltagssprachlich weit gefasst. Ob ein Anreiz „falsch“ ist, zeigt sich erst im Vergleich mit dem, was die Organisation eigentlich erreichen will; ohne klares Ziel lässt sich kein Fehlanreiz benennen. Kerrs Beispiele sind zudem Fallsammlungen und keine Vergleichsstudien.
Quellen
- Kerr, S. (1975). On the Folly of Rewarding A, While Hoping for B. Academy of Management Journal, 18(4), 769–783.