Organisationsentwicklung / MethodeBeschreibt ein etabliertes, dokumentiertes Verfahren neutral, mit seinem Ablauf. Zum Anwenden.Baut auf: Analyse

ITIL 4

Was das Regelwerk für IT-Service-Management in der Fassung von 2019 enthält, wie es mit DevOps und ISO/IEC 20000 zusammenhängt und wie dünn die Belege für seinen Nutzen sind.

9 Min. Lesezeit
#ITIL#Service Management#Governance#DevOps#ISO/IEC 20000

Kurzfassung

ITIL ist eine Sammlung von Empfehlungen dafür, wie eine Organisation IT-Dienste plant, bereitstellt, betreibt und verbessert, und ITIL 4 ist die Fassung von 2019. Ursprünglich stand der Name für IT Infrastructure Library. ITIL 4 beschreibt kein festes Verfahren, sondern ein Modell, wie die Teile einer Organisation zusammenwirken, dazu sieben Leitprinzipien, vier Dimensionen und 34 Praktiken.

Nützlich ist ITIL vor allem als gemeinsame Sprache: Begriffe wie Incident, Problem oder Change bedeuten in vielen Organisationen dasselbe, weil sie aus ITIL stammen. Dass eine ITIL-Einführung den Betrieb messbar verbessert, ist dagegen kaum belegt. Die Forschung besteht überwiegend aus Fallstudien und Befragungen, in denen Beteiligte den Nutzen selbst einschätzen.

Gestritten wird vor allem über das Verhältnis zu agilen Teams und DevOps. ITIL 4 hat deren Gedanken ausdrücklich aufgenommen. Kritiker halten dagegen, dass die Praxis oft bei schwerfälligen Freigaben bleibt, und Befragungsdaten aus der DevOps-Forschung sprechen eher für sie.

Was ITIL 4 ist und was es enthält

Ein Service ist in ITIL ein Mittel, mit dem ein Anbieter seinen Kunden hilft, ein gewünschtes Ergebnis zu erreichen, ohne dass sie sich um bestimmte Kosten und Risiken selbst kümmern müssen. Wert entsteht nach dieser Sicht gemeinsam mit den Nutzern (value co-creation), nicht allein beim Anbieter. ITIL 4 verschiebt damit den Blick von einzelnen Prozessen auf die Frage, wie Arbeit zu einem Ergebnis für Nutzer wird.

Das Kernmodell ist das Service Value System, auf Deutsch etwa Wertschöpfungssystem für Services. Es hat fünf Teile:

  • Leitprinzipien als allgemeine Orientierung für Entscheidungen.
  • Governance, also wie die Organisation gelenkt und kontrolliert wird.
  • die Service-Wertschöpfungskette mit sechs Aktivitäten: Planen, Verbessern, Einbinden, Design und Transition, Beschaffen oder Erstellen, Bereitstellen und Unterstützen. Sie werden je nach Anlass zu Wertströmen kombiniert, nicht als feste Kette durchlaufen.
  • Praktiken, im Regelwerk 34. Eine Praktik ist ein Bündel aus Menschen, Abläufen, Informationen und Werkzeugen für einen Zweck. 14 gelten als allgemeine Managementpraktiken (etwa Risikomanagement oder Architekturmanagement), 17 als Service-Management-Praktiken (etwa Incident Management, Change Enablement, Service Desk), 3 als technische Praktiken (etwa Deployment Management).
  • fortlaufende Verbesserung auf allen Ebenen.

Die sieben Leitprinzipien lauten: auf Wert ausrichten, dort beginnen, wo man steht, iterativ mit Rückmeldung vorgehen, zusammenarbeiten und Arbeit sichtbar machen, ganzheitlich denken und arbeiten, einfach und praktisch bleiben, optimieren und automatisieren. Wer das Agile Manifest oder Lean kennt, findet darin vieles wieder.

Die vier Dimensionen sollen verhindern, dass ein Service nur von einer Seite her betrachtet wird: Organisationen und Menschen, Information und Technologie, Partner und Lieferanten, Wertströme und Prozesse. Von außen wirken politische, wirtschaftliche, soziale, technologische, rechtliche und ökologische Faktoren darauf ein, abgekürzt PESTLE.

Ablauf

Weil ITIL 4 kein Projektverfahren ist, gibt es keinen einzelnen Ablauf von Anfang bis Ende. Das Regelwerk nennt aber ein Verbesserungsmodell, das für eine Einführung ebenso gilt wie für die Verbesserung eines einzelnen Service. Es besteht aus sieben Fragen.

Verbesserung beginnt bei der Vision und endet nicht mit der Umsetzung

1

Was ist die Vision?

Ziel und Zweck der Verbesserung im Zusammenhang mit den Zielen der Organisation klären.
2

Wo stehen wir?

Den Ist-Zustand erheben, mit Messungen statt mit Annahmen.
3

Wo wollen wir hin?

Einen erreichbaren Soll-Zustand und Messgrößen für ihn festlegen.
4

Wie kommen wir dorthin?

Den Weg planen, bei Unsicherheit in kleinen Schritten.
5

Handeln

Die geplanten Schritte umsetzen, iterativ und mit Rückmeldung.
Umsetzung
6

Sind wir angekommen?

Das Ergebnis an den Messgrößen aus Schritt 3 prüfen.
7

Wie bleibt die Bewegung erhalten?

Erreichtes festigen und den nächsten Durchlauf anstoßen.
Verbesserungsmodell von ITIL 4 · eigene Darstellung nach AXELOS (2019)

Das Modell setzt das Leitprinzip „dort beginnen, wo man steht“ praktisch um: ITIL wird nach eigenem Anspruch nicht vollständig eingeführt, sondern ausgewählt und angepasst. Welche der 34 Praktiken eine Organisation braucht, hängt von ihren Services ab.

Nutzen und Beleglage

Die Belege für den Nutzen von ITIL sind schwach, und es lohnt sich, das offen zu sagen.

Übersichtsarbeiten. Jon Iden und Tom Roar Eikebrokk, Wirtschaftsinformatiker an der Universität Agder, werteten 2013 die begutachtete Forschung zur Einführung von IT-Service-Management und ITIL aus und fanden 37 Studien. Die meisten waren Fallstudien und Befragungen, Experimente gab es keine. Nur fünf unabhängige Studien befassten sich mit Ergebnissen und Nutzen. Am häufigsten berichtet wurden bessere Servicequalität und höhere Kundenzufriedenheit, Kosteneinsparungen dagegen selten. Die Autoren stellen fest, dass es wenig empirische Belege dafür gibt, wie eine Einführung erfolgreich gelingt, und dass der Erfolg schwer zu messen ist, weil ein anerkannter Bewertungsmaßstab fehlt.

Befragungen und Erfahrungsberichte. Viele Aussagen zum Nutzen beruhen auf der Einschätzung von IT-Verantwortlichen, also von Menschen, die die Einführung selbst verantwortet haben. Das schließt einen Nutzen nicht aus, ist aber ein schwaches Maß dafür.

Wo der Nutzen plausibel ist, ohne gemessen zu sein. Ein gemeinsames Vokabular erleichtert die Zusammenarbeit mit Dienstleistern und zwischen Abteilungen, und es erklärt die Verbreitung des Regelwerks. Ob es den Betrieb verbessert, ist damit nicht gesagt.

Worauf ITIL beruht

ITIL setzt einige Bedingungen voraus, unter denen es sinnvoll ist:

  1. Es gibt wiederkehrende Arbeit. Die Praktiken ordnen Tätigkeiten, die sich wiederholen: Störungen beheben, Anfragen bearbeiten, Änderungen einspielen. Für einmalige Vorhaben sind Projektmethoden wie PRINCE2 gedacht.
  2. Die Organisation ist groß genug für Rollen. Ein kleines Team, in dem dieselben Menschen entwickeln und betreiben, braucht kaum getrennte Zuständigkeiten für Incident, Problem und Change.
  3. Anpassung wird tatsächlich vorgenommen. Das Regelwerk ist als Auswahl gedacht. Wird es als Pflichtenheft verstanden und vollständig umgesetzt, entsteht Aufwand ohne Gegenwert.
  4. Messbare Serviceziele. Das Verbesserungsmodell braucht Messgrößen, die etwas über den Nutzen für Nutzer aussagen. Wo nur interne Kennzahlen wie die Zahl geschlossener Tickets zählen, droht der Effekt, den Goodharts Gesetz beschreibt: Die Kennzahl wird optimiert statt des Service.

Herkunft und Verhältnis zu anderen Ansätzen

ITIL entstand in den 1980er-Jahren bei der Central Computer and Telecommunications Agency (CCTA), einer britischen Regierungsbehörde, die den IT-Betrieb der Verwaltung vereinheitlichen wollte. 1989 erschien die erste Fassung als Reihe von rund 30 Büchern. Es folgten Version 2 (2001), Version 3 (2007) und ITIL 2011, die stärker in Prozessen und einem Lebenszyklus von Services dachten. ITIL 4 erschien im Februar 2019.

Die Rechte wechselten 2013 an AXELOS, ein Gemeinschaftsunternehmen des britischen Cabinet Office und des Dienstleisters Capita, und 2021 an den Zertifizierungsanbieter PeopleCert. PeopleCert kündigte im Januar 2026 ITIL (Version 5) an und führt es schrittweise ein, mit stärkerem Blick auf den Lebenszyklus digitaler Produkte und auf KI. ITIL 4 bleibt bis auf Weiteres verfügbar und zertifizierbar. Dieser Artikel beschreibt ITIL 4.

1989

erste Fassung bei der britischen CCTA

Wikipedia: ITIL

2019

ITIL 4 erscheint

AXELOS (2019)

34

Praktiken in ITIL 4

AXELOS (2019)

Drei Nachbarn werden oft mit ITIL verwechselt oder gegen es gestellt:

AnsatzWas es istVerhältnis zu ITIL
ISO/IEC 20000-1internationale Norm mit Anforderungen an ein Service-Management-SystemOrganisationen können sich nach der Norm zertifizieren lassen, nach ITIL nur Personen. ITIL dient oft als Weg, die Anforderungen zu erfüllen.
DevOpsBewegung, die Entwicklung und Betrieb zusammenführt, mit hoher Automatisierung und häufigen AuslieferungenITIL 4 nimmt DevOps ausdrücklich auf. In der Praxis treffen beide oft bei der Freigabe von Änderungen aufeinander.
Agile Methoden wie Scrum und KanbanArbeitsweisen für Teams, die in kurzen Zyklen liefern (siehe Agiles Arbeiten)ergänzen ITIL eher für die Entwicklung, ITIL für den Betrieb

Die Streitfrage betrifft vor allem die Praktik Change Enablement, früher Change Management, also die Freigabe von Änderungen am laufenden System. In vielen Organisationen entscheidet darüber ein Gremium, das Change Advisory Board. Nicole Forsgren, Jez Humble und Gene Kim werteten für ihr Buch Accelerate (2018) Befragungsdaten der State-of-DevOps-Berichte von 2014 bis 2017 aus. Externe Freigaben durch ein Gremium oder eine Führungskraft gingen mit längeren Durchlaufzeiten, selteneren Auslieferungen und längerer Wiederherstellung nach Störungen einher, aber nicht mit weniger fehlgeschlagenen Änderungen. Das ist ein Zusammenhang in Befragungsdaten, kein Nachweis, dass das Gremium die Ursache ist. ITIL 4 selbst lässt Freigaben durch Automatisierung oder durch die Teams zu und verlangt kein zentrales Gremium.

Grenzen und Kritik

  • Prozessbürokratie. Der häufigste Einwand ist nicht gegen den Text gerichtet, sondern gegen die Anwendung: Formulare, Gremien und Ticketkategorien werden eingeführt, weil sie im Regelwerk stehen, nicht weil ein Service sie braucht.
  • Werkzeug statt Klärung. ITIL-Einführungen werden oft mit der Einführung eines Ticketsystems gleichgesetzt. Ein Werkzeug klärt aber nicht, wer wofür verantwortlich ist und wie Übergaben zwischen Teams funktionieren.
  • Allgemeinheit. Das Service Value System ist so allgemein, dass es auf fast jede Organisation passt. Damit sagt es wenig darüber, was eine bestimmte Organisation tun soll. Aus einem Modell, das sich an alles anpassen lässt, lässt sich auch kaum ein Fehler ableiten.
  • Struktur folgt Organisation. Wo Praktiken entlang bestehender Abteilungsgrenzen eingeführt werden, bilden die Services diese Grenzen ab, wie es Conways Gesetz beschreibt. Das Regelwerk spricht von Wertströmen über Abteilungen hinweg, die Umsetzung bleibt oft im Organigramm.
  • Interessenlage. Die Weiterentwicklung liegt bei einem Unternehmen, das an Schulungen und Zertifizierungen verdient. Häufige neue Fassungen und Module sind auch ein Geschäftsmodell.
  • Schwache Forschung. Es gibt kaum Studien, die Organisationen mit und ohne ITIL vergleichen. Ob eine beobachtete Verbesserung auf ITIL zurückgeht oder auf die Aufmerksamkeit, die eine Einführung mit sich bringt, bleibt meist offen.

Als Ordnungshilfe und gemeinsame Sprache für den IT-Betrieb ist ITIL 4 weit verbreitet und gut dokumentiert. Als Methode, deren Wirkung belegt ist, kann es nicht gelten.

Quellen

Praxis-Transfer & Implementierung

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