„70 Prozent aller Veränderungsvorhaben scheitern“ gehört zu den meistzitierten Zahlen des Change Managements. Der Managementforscher Mark Hughes ging dem 2011 im Journal of Change Management nach und fand keine empirische Grundlage für eine feste Scheiterquote. Die Zahl wiederhole sich in Büchern, Aufsätzen und Beratungsunterlagen, ohne auf Untersuchungen zu verweisen, die sie belegen.
Das Problem ist auch begrifflich. Was „scheitern“ heißt, ist nirgends einheitlich festgelegt: Ein Vorhaben kann sein Budget überschreiten, seine Ziele verfehlen oder Wirkungen haben, die erst später sichtbar werden. Und „Veränderungsvorhaben“ umfasst von der Softwareeinführung bis zur Kulturveränderung sehr Verschiedenes. Eine einzige Quote für alles kann es deshalb kaum geben.
Richtig bleibt der Kern: Viele große Vorhaben verfehlen ihre Ziele oder versanden. Das zeigt, dass Wandel schwierig ist, nicht wie oft er misslingt. Der Artikel zu Kotters 8 Stufen ordnet die Zahl in diesem Sinne ein, der Artikel zur KI-Einführung in Organisationen nennt eine ähnlich unscharfe Quote für KI-Projekte.
Wer eine solche Zahl verwenden will, sollte ihre Quelle prüfen und die Definition von Scheitern angeben. Sonst gilt, was für viele Faustzahlen gilt: Sie wirken, weil sie einfach sind, nicht weil sie belegt sind.
Quellen
- Hughes, M. (2011): Do 70 per cent of all organizational change initiatives really fail? Journal of Change Management 11(4). Eintrag der University of Brighton.