Verlustaversion (englisch loss aversion) bedeutet, dass ein Verlust stärker empfunden wird als ein Gewinn gleicher Größe. Sie ist ein Baustein der Prospect Theory, die Daniel Kahneman und Amos Tversky 1979 vorlegten: Menschen bewerten Ergebnisse nicht als Endvermögen, sondern als Gewinn oder Verlust gegenüber einem Bezugspunkt. Für den Verlustfaktor ermittelten Tversky und Kahneman (1992) einen Medianwert von 2,25. Eine Meta-Analyse von 2024 kommt über viele Studien hinweg auf einen Mittelwert von etwa 2.
Dass Verluste in jedem Fall doppelt so schwer wiegen, lässt sich daraus nicht ableiten. Gal und Rucker (2018) bestreiten, dass Verlustaversion ein allgemeines Prinzip ist, und führen viele Befunde stattdessen auf Trägheit oder Aufmerksamkeit zurück. Mrkva und Kollegen (2020) halten dagegen, dass die Verlustaversion von Bedingungen abhängt, aber real ist. Die Streitfrage ist offen, und der Faktor sollte nicht als feste Konstante zitiert werden.
Für Veränderungsvorhaben dient der Begriff als eine Erklärung von Widerstand: Was Beschäftigte verlieren würden, ist konkret, der Nutzen dagegen oft abstrakt (Widerstand gegen Veränderung). Auch das Festhalten an Vorhaben, in die man schon viel investiert hat, wird mit ihr in Verbindung gebracht (Sunk-Cost-Effekt). Eng verwandt ist der Status-quo-Bias.
Quellen
- Kahneman, D. & Tversky, A. (1979). Prospect Theory: An Analysis of Decision under Risk. Econometrica, 47(2), 263–291.
- Tversky, A. & Kahneman, D. (1992). Advances in Prospect Theory: Cumulative Representation of Uncertainty. Journal of Risk and Uncertainty, 5(4), 297–323.
- Gal, D. & Rucker, D. D. (2018). The Loss of Loss Aversion: Will It Loom Larger Than Its Gain? Journal of Consumer Psychology, 28(3), 497–516.
- Mrkva, K., Johnson, E. J., Gächter, S. & Herrmann, A. (2020). Moderating Loss Aversion. Journal of Consumer Psychology, 30(3), 407–428.
- Brown, A. L., Imai, T., Vieider, F. M. & Camerer, C. F. (2024). Meta-Analysis of Empirical Estimates of Loss Aversion. Journal of Economic Literature, 62(2), 485–516.