Begriff / BausteinErklärt einen einzelnen Begriff oder stellt eine Person vor, in wenigen Absätzen. Artikel greifen darauf zurück. Zum Nachschlagen.Baut auf: Wirtschaftspsychologie

Mikropolitik

Wie Menschen in Organisationen ihre Interessen verfolgen, Macht einsetzen und Bündnisse schließen, jenseits von Organigramm und offiziellen Prozessen.

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#Organisationsentwicklung#Macht

Organigramme zeigen, wer wem berichtet. Sie zeigen nicht, wer eine Entscheidung tatsächlich blockieren kann, wessen Meinung im Flur zählt und welche Abteilung um Budget konkurriert. Diesen Bereich nennt die Organisationsforschung Mikropolitik.

Die Grundidee formulierten die französischen Soziologen Michel Crozier und Erhard Friedberg in den 1970er Jahren: Organisationen sind keine Maschinen, in denen Regeln das Verhalten vollständig festlegen. Es bleiben immer Spielräume, und in diesen Spielräumen handeln Menschen strategisch. Macht entsteht dort, wo jemand eine Ungewissheit kontrolliert, die für andere wichtig ist, etwa Fachwissen, Zugang zu Informationen oder Kontakte nach außen. Im deutschsprachigen Raum hat vor allem der Organisationspsychologe Oswald Neuberger den Begriff geprägt.

Mikropolitik ist kein Zeichen einer kranken Organisation, sondern normal. Problematisch wird sie, wenn niemand sie wahrnimmt. Viele Veränderungsvorhaben scheitern nicht an der Idee, sondern daran, dass jemand an Einfluss, Budget oder Sichtbarkeit verliert und sich entsprechend wehrt. Im Artikel über Widerstand ist das der politische Widerstand.

Auch scheinbar technische Fragen sind oft mikropolitisch. Was als „Kunde“ oder „Umsatz“ zählt, entscheidet über Erfolge und Budgets; deshalb ist Datenqualität ein Organisationsproblem. Eine gute Stakeholder-Analyse fragt deshalb nicht nur, wer betroffen ist, sondern auch, wer gewinnt, wer verliert und wer eine Entscheidung verhindern kann.